Perfektionismus versus eigene Kapazitäten – Wenn der Körper neue Grenzen setzt


Seit meiner Brustkrebserkrankung begleitet mich Fatigue. Ein unsichtbarer, unberechenbarer Gast, der sich nicht an Pläne hält. Früher war ich gefühlt zu 1000 % zuverlässig. Termine einhalten, Aufgaben erledigen, für andere da sein – das war mein Selbstverständnis. Heute passiert es, dass ich „kurz vor der Angst“ absagen muss, Aufgaben nicht schaffe oder mich selbst ausbremse, obwohl ich es besser weiß.

Und dann sitzt er plötzlich neben mir: der Gedanke, unzuverlässig zu sein. Der Gedanke, andere könnten das alles besser. Der Gedanke, nicht mehr die zu sein, die ich einmal war.

Warum ist es so schwer, diese Veränderungen anzunehmen?

Weil Perfektionismus ein alter, treuer Begleiter ist. Er hat uns lange gedient: als Antrieb, als Struktur, als Identität. Wenn der Körper plötzlich andere Kapazitäten hat, gerät dieses innere System ins Wanken. Es fühlt sich an, als würde ein Teil von uns verschwinden.

Doch eigentlich passiert etwas anderes:
Wir müssen lernen, uns neu zu begegnen.

Veränderung anzunehmen bedeutet nicht, aufzugeben. Es bedeutet, die Realität zu würdigen. Und das ist schwer, weil wir gleichzeitig Abschied nehmen müssen – von der früheren Leistungsfähigkeit, von alten Rollen, von Erwartungen, die nicht mehr passen.

Warum stellen wir unser Licht so in den Schatten?

Weil wir gelernt haben, unseren Wert über Leistung zu definieren.
Weil „Ich kann gerade nicht“ sich anfühlt wie ein persönliches Versagen.
Weil wir uns selbst oft härter beurteilen als jeden anderen Menschen.

Und weil Fatigue, Schmerz oder Erschöpfung uns in einen Zustand bringen, in dem Selbstmitgefühl schwerer fällt. Der Körper ist müde, die Seele gleich mit.

Doch das Licht ist nicht weg. Es ist nur anders geworden. Vielleicht weicher. Vielleicht leiser. Aber es ist da.

Was macht das mit mir?

Es macht mich verletzlich.
Es macht mich menschlich.
Es zwingt mich, hinzuschauen.

Und manchmal macht es mich wütend, traurig oder hilflos.
Aber es öffnet auch Räume, die früher keinen Platz hatten:
Räume für Pausen. Für Ehrlichkeit. Für Selbstfürsorge. Für ein neues Verständnis von Stärke.

Als Achtsamkeitstrainerin habe ich viele Werkzeuge, die ich meinen Klient*innen an die Hand gebe. Doch wenn es um mich selbst geht, stelle ich mir gern ein Bein. Das ist kein Widerspruch – das ist menschlich. Wir alle sind Experten für andere und Lernende für uns selbst.

Ein neuer Umgang mit den eigenen Kapazitäten

Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieser Zeit:

  • Nicht mehr alles zu schaffen, sondern das Richtige.
  • Nicht mehr perfekt zu funktionieren, sondern authentisch zu leben.
  • Nicht mehr über die eigenen Grenzen zu gehen, sondern sie zu ehren.

Fatigue zwingt mich, meine Energie wie ein kostbares Gut zu behandeln. Und vielleicht ist das – bei aller Härte – auch eine Form von Weisheit.

Ein Gedanke zum Schluss

Perfektionismus war lange mein Motor.
Heute ist es meine Menschlichkeit.

Ich lerne, mich mit meinen neuen Kapazitäten zu akzeptieren. Nicht jeden Tag gelingt es. Aber jeder Tag bringt eine Chance, milder mit mir zu sein.

Und vielleicht ist genau das die Art von Zuverlässigkeit, die jetzt zählt:
Die Zuverlässigkeit, mir selbst treu zu bleiben.


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