Nicht, weil nichts passiert ist – ganz im Gegenteil. Das Leben, das Ehrenamt und meine Familie hatten mich fest im Griff.
Der Juni ist einfach immer voll. Voller Termine, voller Begegnungen, voller Highlights.
Gleich zu Beginn stand die Landestagung des Landesverbandes Sachsen e.V. der Frauenselbsthilfe Krebs an – inklusive 35-jährigem Jubiläum. Wohlfühltag mit der Vogtlandklinik Bad Elster, Modenschau für LaMesma, Wahlen… Vier intensive, erfüllende Tage.
Vom 10. bis 13. Juni war ich dann in München beim Senologie-Kongress unterwegs. Ich durfte die Frauenselbsthilfe Krebs vertreten und am Samstag sogar selbst sprechen – auf einem Symposium über Best Practice zwischen Rehaklinik und Selbsthilfe.
Kongresse sind immer ein bisschen alles auf einmal: Wiedersehen mit bekannten Gesichtern, neue Kontakte knüpfen, Inspiration tanken – und gleichzeitig die eigenen Akkus ganz schön strapazieren. Pausen sind da kein Luxus, sondern Pflicht.
Das absolute Highlight im ersten Halbjahr war aber ganz klar das schön&stark-Fotoevent. Nach einem Jahr Pause endlich wieder da.
Frauen, die von Krebs betroffen sind, im schwarzen Schlüppi vor der Kamera. Begegnungen, Gespräche, neue Erfahrungen – und nicht selten der Anfang von echten Freundschaften.
Zu den einzelnen Highlights folgen übrigens noch separate Posts – da nehme ich euch nochmal ausführlicher mit.
Jetzt heißt es: durchatmen. Zumindest so gut, wie es der Pflegealltag zulässt.
Ein bisschen Garten, ein bisschen Schreiben, neue Ideen spinnen, Kooperationen anstoßen, Urlaub in Schweden planen – und vor allem: Sommer genießen.
Langzeitüberleben bedeutet oft, dass einige Therapien weitergeführt werden müssen.
Ich zum Beispiel muss wegen meines Lymphoedems zweimal wöchentlich zur Lymphdrainage bei meiner lieben Manuela Sanne. Es bedeutet bei mir Kompressionsversorgung tragen und Selbstmanagement und das ein Leben lang.
Einige müssen weiterhin Medikamente nehmen, um den Therapieerfolg zu erhalten, um Nebenwirkungen oder Spätfolgen zu mindern. Auch das gehört zum Langzeitüberleben.
Krebs spielt zum Glück nicht täglich die große Rolle, aber manchmal gibt er sich einen Auftritt auf großer Bühne – Rezidiv Angst, Angst vor Neuerkrankung, alte Gefühle kommen wieder hoch, wenn die Nachsorge ansteht. Auch das ist Langzeitüberleben.
Aber Langzeitüberleben ist vor allem, das Leben leben, das Leben lieben, die kleinen Dinge wertzuschätzen und in meinem Fall Erfahrungen und Wissen weitergeben.
Die letzten Wochen waren anstrengend. Nicht laut, nicht spektakulär. Sondern dieses stille, innere Anstrengend, das sich in die Knochen setzt. Zwei Todesfälle im näheren Umfeld. Nachrichten, dass liebe Menschen ihren letzten Weg antreten – ins Hospiz, in die Palliativbetreuung. Worte, die man liest und die sofort tiefer sinken, als man es zugeben möchte.
Es berührt mich in vielen Schichten. Seelisch. Herzmäßig.
Und ja – es macht mir auch Angst.
Ich bin im achten Jahr nach der Diagnose, im siebten Jahr krebsfrei. Und gerade in solchen Momenten frage ich mich:
Werde ich weiterhin von Schutzengeln begleitet? Von guten Mächten, die mich tragen?
Oder ist das alles nur eine fragile Illusion, die jederzeit reißen kann?
Mein Körper antwortet schneller als mein Kopf. Madame Fatigue packt das große Besteck aus: Müdigkeit, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schwindel. Als würde mein System sagen: „Das ist zu viel. Zu nah. Zu vertraut.“
Und natürlich könnte ich es mir leichter machen. Ich müsste ja „nur“ mein Ehrenamt niederlegen. Die Krebsaccounts aus meinem Feed werfen. Mich aus der Krebsbubble verabschieden. Abstand schaffen. Türen schließen.
Aber will ich das?
Ich glaube nicht.
Denn ich sehe es als meine Aufgabe, Mut zu machen. Aufzuklären. Geschichten zu erzählen, die sonst im Stillen verhallen würden. Menschen zu begleiten, die gerade durch ihre dunkelsten Stunden gehen. Ihnen eine Stimme zu geben, wenn sie selbst keine Kraft mehr haben.
Und wenn das Opfer dafür meine Fatigue ist – dann bringe ich es. Nicht leichtfertig. Nicht heroisch. Sondern bewusst.
Weil es eben nicht „nur“ Brustkrebs ist. Weil es eben nicht wieder „alles gut“ ist, sobald die Therapie endet. Weil die Nachsorgejahre nicht einfach ein Bonuslevel sind, sondern ein eigenes Terrain – voller Fragen, Trigger, Schatten und gleichzeitig voller neuer Klarheit.
Ich schreibe das nicht, um Mitleid zu bekommen. Sondern um sichtbar zu machen, was oft unsichtbar bleibt. Um zu sagen: Auch Jahre später kann die Angst noch leise mitgehen. Auch Jahre später kann der Körper reagieren, wenn das Leben uns an unsere Verletzlichkeit erinnert.
Aber ich schreibe es auch, weil ich weiß: In all dem liegt eine Form von Stärke. Eine, die nicht laut ist. Eine, die nicht glänzt.
Eine, die sich zeigt, wenn wir trotz Müdigkeit weitergeben, was uns selbst einmal gefehlt hat.
Vielleicht ist das mein Weg. Vielleicht ist das meine Art, Sinn zu finden in all dem, was war.
Und vielleicht ist es genau das, was mich – trotz allem – weitergehen lässt.
Seit meiner Brustkrebserkrankung begleitet mich Fatigue. Ein unsichtbarer, unberechenbarer Gast, der sich nicht an Pläne hält. Früher war ich gefühlt zu 1000 % zuverlässig. Termine einhalten, Aufgaben erledigen, für andere da sein – das war mein Selbstverständnis. Heute passiert es, dass ich „kurz vor der Angst“ absagen muss, Aufgaben nicht schaffe oder mich selbst ausbremse, obwohl ich es besser weiß.
Und dann sitzt er plötzlich neben mir: der Gedanke, unzuverlässig zu sein. Der Gedanke, andere könnten das alles besser. Der Gedanke, nicht mehr die zu sein, die ich einmal war.
Warum ist es so schwer, diese Veränderungen anzunehmen?
Weil Perfektionismus ein alter, treuer Begleiter ist. Er hat uns lange gedient: als Antrieb, als Struktur, als Identität. Wenn der Körper plötzlich andere Kapazitäten hat, gerät dieses innere System ins Wanken. Es fühlt sich an, als würde ein Teil von uns verschwinden.
Doch eigentlich passiert etwas anderes: Wir müssen lernen, uns neu zu begegnen.
Veränderung anzunehmen bedeutet nicht, aufzugeben. Es bedeutet, die Realität zu würdigen. Und das ist schwer, weil wir gleichzeitig Abschied nehmen müssen – von der früheren Leistungsfähigkeit, von alten Rollen, von Erwartungen, die nicht mehr passen.
Warum stellen wir unser Licht so in den Schatten?
Weil wir gelernt haben, unseren Wert über Leistung zu definieren. Weil „Ich kann gerade nicht“ sich anfühlt wie ein persönliches Versagen. Weil wir uns selbst oft härter beurteilen als jeden anderen Menschen.
Und weil Fatigue, Schmerz oder Erschöpfung uns in einen Zustand bringen, in dem Selbstmitgefühl schwerer fällt. Der Körper ist müde, die Seele gleich mit.
Doch das Licht ist nicht weg. Es ist nur anders geworden. Vielleicht weicher. Vielleicht leiser. Aber es ist da.
Was macht das mit mir?
Es macht mich verletzlich. Es macht mich menschlich. Es zwingt mich, hinzuschauen.
Und manchmal macht es mich wütend, traurig oder hilflos. Aber es öffnet auch Räume, die früher keinen Platz hatten: Räume für Pausen. Für Ehrlichkeit. Für Selbstfürsorge. Für ein neues Verständnis von Stärke.
Als Achtsamkeitstrainerin habe ich viele Werkzeuge, die ich meinen Klient*innen an die Hand gebe. Doch wenn es um mich selbst geht, stelle ich mir gern ein Bein. Das ist kein Widerspruch – das ist menschlich. Wir alle sind Experten für andere und Lernende für uns selbst.
Ein neuer Umgang mit den eigenen Kapazitäten
Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieser Zeit:
Nicht mehr alles zu schaffen, sondern das Richtige.
Nicht mehr perfekt zu funktionieren, sondern authentisch zu leben.
Nicht mehr über die eigenen Grenzen zu gehen, sondern sie zu ehren.
Fatigue zwingt mich, meine Energie wie ein kostbares Gut zu behandeln. Und vielleicht ist das – bei aller Härte – auch eine Form von Weisheit.
Ein Gedanke zum Schluss
Perfektionismus war lange mein Motor. Heute ist es meine Menschlichkeit.
Ich lerne, mich mit meinen neuen Kapazitäten zu akzeptieren. Nicht jeden Tag gelingt es. Aber jeder Tag bringt eine Chance, milder mit mir zu sein.
Und vielleicht ist genau das die Art von Zuverlässigkeit, die jetzt zählt: Die Zuverlässigkeit, mir selbst treu zu bleiben.
Perfektionismus hat mich lange begleitet – im Beruf, im Alltag, in meiner Fürsorge für andere.
Doch seit mein Körper durch das Fatigue-Syndrom seine eigenen Grenzen setzt und ich gleichzeitig so viel Verantwortung für meine Eltern trage, fühlt sich dieser alte Anspruch oft wie ein zu enger Mantel an.
Achtsamkeit hilft mir, ihn Stück für Stück abzulegen.
🌱 Wenn Perfektionismus eng macht
Perfektionismus sagt mir manchmal:
„Ich muss alles schaffen.“
„Ich darf nicht schwach sein.“
„Ich muss funktionieren – für meine Eltern, für meinen Alltag.“
Doch mein Körper spricht eine andere Sprache.
Fatigue ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Signal, dass ich täglich über deine Kräfte hinausgehe obwohldiese begrenzt sind – emotional, körperlich, organisatorisch.
Perfektionismus versucht, mir Halt zu geben, aber er übersieht, wie viel ich ohnehin leiste.
🌤️Achtsamkeit lädt auch dich ein, die Realität nicht zu bekämpfen, sondern anzuerkennen:
Ein Tag mit Energie ist ein Geschenk.
Ein Tag, an dem du kaum Kraft hast, ist kein persönliches Versagen.
Gefühle wie Überforderung, Traurigkeit oder Erschöpfung dürfen da sein.
Kleine Schritte sind genug – besonders in deinem Alltag zwischen Pflege, Verantwortung und Selbstfürsorge.
Meine Realität ist nicht unperfekt. Sie ist mutig, menschlich und getragen von Liebe.
🌸Achtsamkeit bedeutet für mich:
„Ich darf Pausen machen, ohne mich zu rechtfertigen.“
„Ich darf Hilfe annehmen – auch wenn ich es gewohnt bin, stark zu sein.“
„Ich darf fühlen, was ich fühle, ohne es zu bewerten.“
„Ich darf unvollkommen sein, gerade weil ich so viel trage.“
Sie schenkt mir einen inneren Raum, in dem ich nicht funktionieren musst. Einen Raum, in dem ich einfach Anett sein darfst – mit all meiner Wärme, meiner Verantwortung und meiner Erschöpfung.
✨ Ein kleiner Impuls für dich da draußen
Lege eine Hand auf dein Herz. Spüre die Müdigkeit – und die Kraft, die trotzdem da ist. Atme einmal tief ein. Erlaube dir, für diesen Moment nichts zu leisten. Nur zu sein.
In diesem stillen Zwischenraum zwischen Anspruch und Wirklichkeit entsteht ein Frieden, der nicht aus Perfektion kommt, sondern aus Annahme und Selbstfreundlichkeit.
Im Post „out of order“ hatte ich ja davon berichtet, dass ich meine Reha absagen musste.
Fatigue und eine depressive Phase hatten mich einfach zu sehr im Griff.
Heute wäre die erste Woche Reha rum und was soll ich sagen? Alles richtig gemacht!
Die Psyche ist wieder halbwegs okay, der Körper na ja. Ausbaufähig.
Heute mußte ich nach der Lymphdrainage erst mal eine Stunde schlafen und nach dem Mittagessen gleich wieder.
Gestern hat eine Stunde geführte Meditation gereicht und nachmittags war Kraft für Kaffee im Garten und Unkraut jäten.
Ich konnte mit der Klinik einen neuen Termin vereinbaren, auch wenn sich das auf Grund der Vorgaben zum Thema Rehafähigkeit und aktive Teilnahme an der Reha etwas kompliziert gestaltet hat. Die Damen in der Patienten Aufnahme sind keine Ärzte und machen nur ihren Job. Das letzte Wort wird der Arzt vor Ort im Oktober haben.
Ich hab mal wieder gelernt – nur sprechenden Menschen kann geholfen werden.
Überall wo ich kommuniziert habe, dass ich momentan meine Kräfte und damit meinen Kalender gut einteilen muss, bin ich auf Verständnis gestoßen. Es ist eher der Schritt, offen zu zugeben, dass man gerade nicht ganz so fit ist, der schwer fällt. Auch, weil man oder vielmehr ich mir eingebildet habe, das Gegenüber könnte es nicht verstehen.
Hat es aber und es hat gar nicht weh getan offen und ehrlich zu sein!
Kommunikation ist immer wieder wichtig!
Ich rede und blogge über Krebs, über Fatigue, Lymphoedem, über müde Tage oder depressive Phasen. Aber genau so auch über die guten Zeiten. Alles gehört zum Leben mit und nach Krebs dazu.
Ich weiß, es liegt nicht jedem Menschen sein Innerstes nach außen zu kehren, offen über seine Erkrankung zu sprechen, trotzdem möchte ich euch dazu ermutigen. Wenigstens in eurem engsten Umfeld, ihr müsst dazu nicht bloggen oder was in der Presse veröffentlichen. Einfach mal reden, sagen wie es euch geht, was ihr euch wünscht, was euch eine Hilfe wäre.
Das macht vieles einfacher, denn nur die wenigsten Nichtbetroffen können nachvollziehen oder haben eine Ahnung davon, wie es euch wirklich geht.
Wie sollen sie sich dann auf euch einstellen können, Rücksicht nehmen oder helfen?
Der Termin bei der Fachärztin für Psychiatrie hat ergeben, dass ich meine Reha abgesagt habe. Momentan hab ich dazu weder die körperlichen Kräfte, noch gibt meine Psyche das her.
Madame Fatigue und Herr Miesepeter haben sich mal wieder zusammen getan.
Aber mal von vorn.
Auf die Reha hab ich mich immer gefreut, war natürlich aufgeregt, aber in positivem Sinne.
Der Thüringer Wald, die Luft, Frühling. Die Klinik, die Behandlungen, das Angebot drumherum.
Jetzt ist es schon seit Wochen eine Last, gepaart mit Angst vorm Versagen.
Den Therapieplan nicht zu schaffen.
Wenig Zeit für mich zu finden.
Übers Ziel hinaus zu schießen.
Und auch eventuell an den Arzt zu geraten, der mir 2020 das ganze Theater mit der Rentenversicherung eingebrockt hat,
Heute habe ich quasi nach einem langen Gespräch mit der Ärztin, die Erlaubnis bekommen ärztlicherseits abzusagen.
Normalerweise ist das ja eher kontraproduktiv vor der Angst weg zu rennen.
Hier kommen aber Fatigue und Depression so ins Spiel, dass ich nicht rehafähig bin.
Schon die Anreise ist nicht mit Zug zu gewährleisten, weil es keine Verbindung gibt. Ganz abgesehen davon, dass ich mit dem Auto viel unbeschwerter packen kann. Aber Anreise mit Auto wären gut 2,5 Stunden Fahrt, danach bin ich dann erledigt.
Was momentan überhaupt nicht drin ist, ist ein straffer Therapieplan. Start 7 Uhr, Lymphdrainage, Wassergymnastik, Entstauungsgymnastik, Nordic Walking, Ergotherapie, Psychologe. Was halt alles so zur Reha ansteht.
Klar Haushalt, Kochen und so stehen hier nicht auf dem Programm, dass entlastet natürlich. Trotzdem ist es ja wenig zielführend dauernd Therapie abzusagen, weil ich mehr Pause benötige.
Die Krankenkasse hat problemlos und verständnisvoll den Anspruch bis Oktober verlängert. Die Klinik meldet sich nach elektronischer Meldung durch die Krankenkasse für einen neuen Termin.
Der Herr in der Krankenkasse hat sogar schon vorgeschlagen, besser ne psychosomatische Klinik zu suchen, die auch meine Lymphdrainage machen kann. Ähnliche Pläne hat meine Ärztin.
Ich hoffe einfach, dass meine Symptome sich wieder bessern und ich mit der Klinik eventuell vereinbaren kann, dass mein Plan abgesteckter festgelegt wird.
Und bis dahin – Pausen, Aufgaben reduzieren, Frühling genießen, Kraft tanken.
Fatigue und eigener Anspruch, zwei die sich öfter mal nicht so gut verstehen.
Ich als Fatigue Patientin kann ein Liedchen davon singen.
Madame Fatigue, wie ich sie getauft habe weil sie sich wie eine launische Diva aufführt, kommt und geht wie sie will. Sie bleibt mal kürzer und mal länger, ihr Besuch lässt sich nicht planen und ständig treibt sie andere Mätzchen.
Mein Anspruch an mich ist:
• Zuverlässig sein
• Termine einhalten
• Aufgaben erledigen
• den Alltag bewältigen
Immer wieder passen Madame Fatigue und mein Anspruch nicht zusammen. Mal gewinnt sie, mal der Anspruch.
Da kommt es eben vor, dass ich am Vormittag zur Lymphdrainage war, mit meiner Mutti zum Einkaufen gefahren bin und mir auch noch was zu Essen gemacht habe.
Dann komm ich nachmittags nicht mehr von der Couch hoch.
Trotzdem versuche ich quasi im Couchoffice Mails zu erledigen, Post‘s zu planen und was weiß ich noch.
Neben mir liegt auch noch das Buch über Achtsamkeit im Alltag und das angefangene Paar Socken. Im Büro nebenan wartet die Kassenprüfung und ein paar Schwedisch Vokabeln auf mich.
Zack, schlechtes Gewissen.
Zack dreht Madame noch eine Stufe mehr auf und schaltet das Gedankenkarusell an.
STOP – bitte anhalten! An dieser Stelle möchte ich gern aussteigen.
Und da zeigt sich auch schon das Dilemma – mein Dilemma.
ICH will so vieles erledigen, hab so viele Ideen und Pläne, aber ich kann eben nicht immer so wie ich möchte.
Und dann noch die Sache mit dem eigenen Anspruch.
Sicherlich eine Frage der Prägung und Erziehung in der Kindheit und Jugend, aber auch nicht in Stein gemeißelt.
Bisher habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht, wenn ich absagen musste, wenn ich mehr Zeit benötigt habe oder was im Haushalt nicht fertig wurde. Trotzdem fällt es mir schwer, gnädig und nachsichtig mit mir zu sein, obwohl ich das als Achtsamkeitstrainer immer wieder meinen Coachies predige.
Achtsamkeit und nicht der achtarmige Krake zu sein, dass ist etwas, was ich als Fatigue Patient immer wieder justieren darf. Immer wieder der Situation anpassen.
Das dürft ihr als Nicht-Fatigue-Betroffene auch tun.
Nicht jeder Tag ist gleich, wir sind keine Roboter oder Maschinen und selbst die, gehen auch mal kaputt.
Achtsam mit sich sein, Aufgabe für Aufgabe erledigen, nicht alles auf einmal. Pausen einplanen und einlegen.
UND mit sich selbst nachsichtig und gnädig sein. Es geht nicht um höher schneller weiter!
Und während ich das schreibe, fällt mir das Buch „Achtsamkeit im Alltag“ wieder ein, das hier mit dem angefangenen Paar Socken neben mir liegt.
Ich werd noch paar Seiten lesen und ansonsten alle Fünf gerade dein lassen. Morgen ist auch noch ein Tag.
Am Wochenende war ich mit dem Landesvorstand FSH Sachsen e.V. zur Landestagung in Chemnitz.
Seit einiger Zeit bin ich ja dort Rechnungsprüferin, Technikcoach, führe Protokolle und und und – also wie immer mit Haut und Haaren dabei.
Im Rahmen unseres Programmes hatten wir am Freitag die liebe Evelyn Kühne zu einer Buchlesung bei uns.
Evi und ich kannten uns bisher nur virtuell. Ich hatte ihr Buch „Viertel Kraft voraus“ gelesen und hier im Blog vorgestellt und sie dafür angeschrieben. Seit dem ist ein loser Kontakt über Facebook und ihre Bücher entstanden und ich hatte die Aufgabe ihre Lesung für unsere Landestagung und auch für einen weiteren Termin mit der FSH Sachsen in diesem Jahr zu organisieren.
Als Evi am Freitag da so mit Sack und Pack anreiste, große Taschen mit Büchern und ein Rollup, war es wie bereits schriftlich wahnsinnig freundschaftlich. Gesehen und gleich erst mal in den Arm genommen.
Evi ähnelt mir in vielem. Auch sie hatte Brustkrebs und ist etwas später an Fatigue erkrankt und dann ging die Odyssee von Arzt zu Arzt, von Amt zu Amt, von Gutachter zu Gutachter los. Der Tipp ihrer Psychologin zur Bewältigung dieser Zeit war, es aufzuschreiben.
Aus dem Aufschreiben wurde das Buch „Viertel Kraft voraus“ und aus dem kleinen Büchlein und den vielen Zuschriften von Lesern und ebenfalls Betroffenen entwickelte sich nach und nach Evelyn Kühne die Autorin.
Inzwischen kann Evi auf 20 veröffentliche Bücher stolz sein, darunter regionale Krimis aus der Meißner Ecke und natürlich ihre Ostseeromane, auch einer in Andalusien ist dabei.
Ein Kinderbuch zum Thema Krebs bei Kindern mit dem Titel „die kühne Marie“ hat sie verfasst und in Eigenregie veröffentlich – ihr Herzensprojekt.
Ein schweres Thema, das nur all zu oft nicht angesprochen wird und dessen Veröffentlichung Evi nicht nur ein graues Haar und viele Nerven gekostet hat. Aber letztendlich hat sie es geschafft.
Evi ist für mich ein Vorbild.
Sie hat Fatigue und das zu Anfang sehr viel schlimmer als ich und doch hat sie eine Möglichkeit gefunden, das zu tun und inzwischen zum Hauptberuf zu machen, was sie liebt. Natürlich erfordert das viel Disziplin und gute Achtsamkeit mit sich selbst, Pausen und auch nicht erreichbar zu sein im Schreibprozess. Aber es zeigt mir, und ich hoffe euch da draußen auch, dass es immer irgendwie weiter geht. Das es möglich ist, trotz Fatigue etwas zu tun, zu leisten (oh Gott schon wieder so ein Irrglaube – ich muss etwas leisten) und sein Leben gut zu leben.
Gebt nicht auf da draußen!
Eure Anett
Übrigens, ich mache hier Werbung ohne Auftrag und aus vollem Herzen. Evi wird erst nach der Veröffentlichung von diesem Artikel erfahren.
Nach den vielen Nachrichten und lieben Kommentaren, ist mir mal wieder klar geworden, wie unbekannt Fatigue doch trotzdem ist.
Deswegen heute hier noch mal zum nachlesen, ausdrucken und wie immer teilen, teilen, teilen.
Wikipedia beschreibt es so:
Die Bezeichnung Fatigue ([faˈtiːɡ], englisch/französisch; „Müdigkeit, Ermüdung, Abgespanntheit, Erschöpfung“), selten auch Fatigue-Syndrom, wurde 2000 von Gregory Curt definiert als „signifikante Müdigkeit, erschöpfte Kraftreserven oder erhöhtes Ruhebedürfnis, disproportional zu allen kürzlich vorangegangenen Anstrengungen“
Fatigue ist fachlich ausgedrückt ein Symptomkomplex oder wie ich immer sage – ein Chamäleon.
Wenn bekannt, dann wissen die meisten von bleierner Müdigkeit, das man kraftlos ist.
Leider ist Fatigue so viel mehr:
◦ Körperliche Erschöpfung, die nicht relevant zur körperlichen Belastung steht
◦ Schnell auftretende körperliche Erschöpfung
◦ Schweregefühl in den Gliedmaßen
◦ Erschöpfung lässt sich nicht oder nur gering mit Pause oder Schlaf beseitigen
◦ Geistige Erschöpfung
◦ Kopf fühlt sich leer an, wie „Stecker gezogen“
◦ Schnelle Reizüberflutung
◦ Ablenkbarkeit
◦ Geringe Aufmerksamkeitsspanne
◦ Drang nach Ruhe, reizarmer Umgebung
◦ Konzentrationsschwäche
◦ Störungen Kurzzeitgedächtnis
◦ Wortfindungsstörungen
◦ Gestörter Schlafrhythmus
◦ Alles wächst einem über den Kopf
◦ Antriebslosigkeit
◦ Trauer, Reizbarkeit
◦ Wunsch sich zurückzuziehen
◦ Depressive Verstimmung infolge des Fatigue
und und und
Es gibt noch viele weitere Symptome, die von Patient zu Patient und auch von Grunderkrankung zu Grunderkrankung verschieden sind.
Zum Beispiel gibt es tumorbedingte Fatigue, es gibt Fatigue nach Viruserkrankungen gerade als Teil von LongCovid vielen ein Begriff, es gibt Fatigue bei Multipler Sklerose und und und.
Fatigue ist schwer zu diagnostizieren und das ist auch der Grund, warum sich viele Betroffene lang damit quälen, in die Psychoecke abgestellt oder gar als faul hingestellt werden.
All das, habe ich in meiner Tätigkeit in der Selbsthilfe und auch über Follower schon erfahren müssen.
Grundsätzlich sollte natürlich beim Auftreten dieser Symptome erst einmal eine klinische Diagnostik erfolgen.
Kontrolle von Blutbild, Schildrüsenwerten, Leber, Niere, Diabetesprofil und eventuell auch, je nach Blutbild Status, Eisen, Ferritin, Vitamin B12 und Vitamin D und Selen.
Sollte dein Hausarzt das nicht über die Kasse laufen lassen wollen/können/dürfen, dann zur Not auch selbst bezahlen. Je nach Labor muss man mit um die 50€ rechnen. Gut investiertes Geld, um dem Ding auf die Schliche zu kommen.
Auch eine körperliche Untersuchung wird der Arzt vornehmen und da Blutdruck, Puls, Herzrhythmus kontrollieren und gegebenenfalls weitere Untersuchungen wie EKG, Ultraschall, … veranlassen.
Es wird geprüft ob es eventuell an Medikamenten liegen kann, die du nimmst und ob es ein Problem mit der Ernährung gibt.
DU kannst indes schon mal vorbereiten ein Fatigue Tagebuch führen.
Darin schreibst du auf, was du den Tag über gemacht hast, wann du aktiv warst, wann du dich ausgeruht hast/mußtest und wie du dich dabei gefühlt hast.
Dadurch ist es zum einen möglich zu erkennen, ob die Symptome mit körperlich/geistiger Anstrengung in Verbindung stehen oder eben nicht.
Wichtig für den Arzttermin!
Und im zweiten Schritt, kannst du für dich erkennen, was dir gut tut, was dir Energie raubt und wie viel und wie lange es dauert, bis du dich wieder fit fühlst.
Der Alltag gestaltet sich leider nicht ganz einfach.
Wie im Live auf Instagram bereits gesagt, ist ein großer Bestandteil die Akzeptanz des eigenen Zustandes und auch das Informieren von Familie, Freunden, Kollegen, Arbeitgeber. Letzteres geht natürlich am besten mit Diagnose, ich weiß.
Aber für dich selbst und dein nahes Umfeld ist dieser Post hier ja schon mal ein Anfang, um sich grob einen ersten Überblick zu verschaffen.
Weiterführende Informationen findest du bei der Deutschen Fatigue Gesellschaft
Gestalte deinen Tagesablauf bewusst, indem du deine Kräfte und Termine gut einteilst und planst.
Nimm dir bewusst Zeit für dich.
Du musst nicht regelmäßig zu einem Wellness Wochenende oder täglich 2h irgendwo abtauchen, 30min für dich allein mit einem Kaffee oder Tee, mit schöner Musik, mit Kerze oder in der Badewanne genügen, sofern du es regelmäßig tust.
Gib Aufgaben ab, sortiere nach Priorität.
Wenn deine Familie und dein Umfeld Bescheid wissen, fällt es dir wahrscheinlich auch leichter mal etwas abzugeben.
Hab ich auch lernen müssen, ich war immer so ein „ach gib her, mach ich selber“ Typ.
Verabschiede dich wo immer es geht vom Perfektionismus!
Unsere Gesellschaft ist auf perfekt, auf Ideale getrimmt; die meisten davon in unerreichbarer Ferne selbst für Ottonormalos.
Überlege dir also mal, was für dich unbedingt sein muss und was alles auch herrlich unperfekt sein darf.
Gerade beim Thema Haushalt scheiden sich da ja sehr oft nicht nur die Geister. Aber Internet sei Dank gibt’s da ganz nützliche Hilfen.
ToDo Listen, was man wann macht, damit auch die Dinge die nur in großen Abständen erledigt werden müssen nicht vergessen werden und du selbst aber das Gefühl hast, das du deinen Haushalt im Griff hast.
Mir hilft da ganz gut Ordnungsnebenbei auf Instagram, aber es gibt noch viele weitere Angebote, du dürftest was passendes finden.
Verlinkt hab ich es aber trotzdem mal (ich bekomme nix dafür!).
Es wird ja in 90% der Artikel und Empfehlungen propagiert – Sport machen hilft.
Zack Druck aufgebaut!
Hier sei gesagt:
Ja Sport hilft, in der richtigen Dosis, ohne Zwang und ganz wichtig es soll dir Spaß machen!
Geeignet sind Sportarten mit sogenannter moderater Anstrengung
◦ Nordic Walking
◦ Radfahren
◦ Schwimmen
◦ angeleitetes Krafttraining
◦ Yoga
◦ Reha-Sport
◦ Tanzen
Hier bitte unbedingt beachten:
Nicht überanstrengen, da dies die Fatigue wieder verstärken kann. Lieber mit geringer Intensität beginnen und dann schrittweise erhöhen, ebenso Dauer und Häufigkeit.
Hier hilft dir wieder dein Fatigue Tagebuch.
Du hast bis zum Ende durchgehalten?
Glückwunsch.
Auch wenn du in Etappen gelesen hast.
Glückwunsch.
Nun ist es an dir, es in die Welt hinaus zu tragen, damit den vielen Betroffenen mehr Verständnis und Hilfe entgegen gebracht werden kann.
Bis zum nächsten Mal
Deine Anett
Ach ganz wichtig. Ich gebe hier MEIN Wissen wieder, es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit und ersetzt ganz logisch keinen Arzt!!!
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