Langzeitüberleben bedeutet oft, dass einige Therapien weitergeführt werden müssen.
Ich zum Beispiel muss wegen meines Lymphoedems zweimal wöchentlich zur Lymphdrainage bei meiner lieben Manuela Sanne. Es bedeutet bei mir Kompressionsversorgung tragen und Selbstmanagement und das ein Leben lang.
Einige müssen weiterhin Medikamente nehmen, um den Therapieerfolg zu erhalten, um Nebenwirkungen oder Spätfolgen zu mindern. Auch das gehört zum Langzeitüberleben.
Krebs spielt zum Glück nicht täglich die große Rolle, aber manchmal gibt er sich einen Auftritt auf großer Bühne – Rezidiv Angst, Angst vor Neuerkrankung, alte Gefühle kommen wieder hoch, wenn die Nachsorge ansteht. Auch das ist Langzeitüberleben.
Aber Langzeitüberleben ist vor allem, das Leben leben, das Leben lieben, die kleinen Dinge wertzuschätzen und in meinem Fall Erfahrungen und Wissen weitergeben.
„Nach der Therapie ist doch alles wieder gut“ – oder etwa nicht?
„Du siehst doch wieder gut aus.“
„Jetzt ist ja alles überstanden, oder?“
„Dann kannst du ja wieder ganz normal weitermachen.“
Sätze wie diese sind oft liebevoll gemeint, doch leider treffen sie viele Betroffene mitten ins Herz. Denn sie spiegeln eine Erwartung wider, die mit der Realität wenig zu tun hat: die Vorstellung, dass nach einer Therapie alles wieder so ist wie vorher.
Aber genau das stimmt oft nicht.
Das Unsichtbare hinter dem „wieder gesund“
Nach einer schweren Diagnose und Therapie, egal ob Krebs oder andere schwere Erkrankungen, beginnt eine Phase, über die kaum gesprochen wird. Nach außen wirkt vieles abgeschlossen: Die Behandlung ist beendet, die Haare wachsen wieder nach, der Körper scheint sich zu erholen.
Doch im Inneren sieht es häufig ganz anders aus.
Viele Betroffene kämpfen noch lange mit:
Erschöpfung, die sich nicht einfach „wegschlafen“ lässt
Körperlichen Einschränkungen, die vorher nicht da waren
Angst vor Rückfällen
Verunsicherung, wer man eigentlich jetzt ist
Konzentrationsproblemen oder Gedächtnislücken
ein verändertes Körperbild
Einem völlig veränderten Blick auf das Leben
Diese Dinge sind oft unsichtbar, für das Umfeld und auch für die Betroffenen selbst schwer zu greifen. Und genau das macht sie so herausfordernd.
Warum es nicht einfach „weitergeht wie vorher“
Die Diagnose und die Therapie sind ein Einschnitt. Sie verändern nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche und das eigene Selbstbild.
Plötzlich wird vieles hinterfragt:
Was ist wirklich wichtig im Leben?
Welche Belastungen kann und möchte ich noch tragen?
Welche Rolle möchte ich in meinem Alltag einnehmen?
Welche Menschen sollen mich dabei begleiten?
Dinge, die früher leicht gefallen sind, kosten heute vielleicht unendlich viel Kraft. Dinge, die früher selbstverständlich waren, sind es plötzlich nicht mehr.
Und das führt zu einem Gefühl, das viele beschreiben:
Ich passe nicht mehr ganz in mein altes Leben.
Die „verflixte dritte Phase“
Die Autorin Nella Rausch beschreibt in ihrem Buch „Fliegen mit verklebten Federn“ genau diesen Abschnitt als eine Art „dritte Phase“:
Diagnose
Therapie
Die Zeit danach
Während die ersten beiden Phasen meist von medizinischer Begleitung geprägt sind, bleibt die dritte oft im Schatten. Plötzlich gibt es weniger Termine, weniger Unterstützung, weniger Struktur und dafür umso mehr Raum für Gedanken, Unsicherheit und Überforderung.
Viele fühlen sich in dieser Zeit:
allein gelassen
unverstanden
unter Druck, „endlich wieder zu funktionieren“
Dabei ist genau diese Phase ein entscheidender Teil der Genesung.
Warum Aufklärung so wichtig ist
Ein großes Problem: Diese dritte Phase ist kaum im Bewusstsein, weder bei Betroffenen noch im Umfeld.
Wenn niemand darüber spricht, entstehen Missverständnisse:
Betroffene fühlen sich falsch oder schwach
Angehörige verstehen die anhaltenden Schwierigkeiten nicht
Erwartungen passen nicht zur Realität
Aufklärung kann hier so viel verändern:
Sie nimmt Druck heraus
Sie schafft Verständnis
Sie erlaubt es, ehrlich über Grenzen zu sprechen
Selbsthilfe kann hier helfen.
Nach der Reha beginnen viele Betroffen nach Gleichgesinnten zu suchen, Menschen, die wissen von was man spricht, die das schon erlebt haben, die vielleicht aus eigener Erfahrung einen Ratschlag geben können oder einfach nur mal zuhören. Genau das erlebe und erfahre ich immer wieder in meinem Ehrenamt bei der Frauenselbsthilfe Krebs.
Erholung braucht Zeit – oft mehr, als man denkt
Heilung ist kein linearer Prozess.
Körper und Psyche arbeiten nach einer Therapie noch lange.
Man könnte sagen: Die Behandlung hat aufgehört, aber die Verarbeitung hat gerade erst begonnen.
Das bedeutet:
Fortschritte kommen in kleinen Schritten
Rückschläge gehören dazu
Geduld wird zu einem wichtigen Begleiter
Und manchmal bedeutet es auch, ein neues Gleichgewicht zu finden, nicht das alte Leben zurückzubekommen, sondern ein Neues zu gestalten.
Was Betroffene wirklich brauchen
Statt Erwartungen brauchen Betroffene vor allem eines
Raum für:
ehrliche Gefühle
langsamere Prozesse
neue Prioritäten
Unsicherheit
Heilung im eigenen Tempo
Und sie brauchen Menschen, die zuhören, ohne zu bewerten.
Die nicht sagen „Du bist doch wieder gesund“, sondern fragen:
„Wie geht es dir wirklich?“
Ein neues Verständnis von „gesund“
Vielleicht ist die größte Veränderung, dass Gesundheit plötzlich anders definiert wird. Dass man dem Körper wieder Vertrauen schenken kann und nicht jedes kleine Symptom gleich als die nächste Diagnose sieht.
Nicht als Zustand von „alles ist wie früher“, sondern als ein Prozess, in dem man lernt, mit Veränderungen zu leben. Das Leben nach der Therapie ist oft ein anderes. Und das ist kein Scheitern. Das ist ein Weg, der gegangen werden will.
Fazit:
„Nach der Therapie ist alles wieder gut“ ist ein tröstlicher Gedanke – aber selten die Realität, leider.
Indem wir mehr über die unsichtbaren Folgen sprechen und die „verflixte dritte Phase“ sichtbar machen, können wir Verständnis schaffen – für Betroffene und ihr Umfeld.
Denn Heilung endet nicht mit dem letzten Behandlungstag.
Sie beginnt meiner Meinung nach genau dort erst richtig.
Manchmal lernst du Menschen kennen – online – und weißt sofort „das passt“
So geht es mir mit Roland Wagenhäuser. 2024 waren wir gemeinsam Teilnehmer in einem Atemcoaching bei Nicole Büsching und in überschaubarer Runde, wurde es sofort irgendwie gemütlich und familiär.
2025 habe ich Roland bei LinkedIn wieder gefunden und sofort kontaktiert. Er arbeitet als Resilienz Trainer und Coach und beim Lesen seiner Texte war die Verbindung sofort wieder da.
Als Leiterin des Netzwerk FSH Onliner bin ich immer auf der Suche nach guten Vortragsinhalten für unsere ExpertenTalks und da ist Resilienz ein wichtiges Thema.
Kürzlich war Roland nun Referent bei uns und es entstand ein intensiver Austausch fern ab von PowerPoint und festen Vortragsstrukturen, durch den sich alle etwas mitnehmen konnten. Und wenn es nur darum geht, dem Rollator einen eigenen Style zu verpassen, mal einen Treppenlift zu testen oder sich selbst einen Miniurlaub zu schenken.
Roland schafft es einfach durch seine eigenen Erfahrungen, und das sind wirklich reichlich, verständlich zu erklären was Resilienz ist, was einen resilient werden lässt und dass es im Leben um dich geht und nicht um das Leben, dass andere leben.
Dieses anfängliche Gefühl von „das passt“ hat mich wieder einmal nicht getäuscht, vielleicht auch weil Roland im Leben auch schon so einiges durchstehen musste und trotzdem so ist wie er ist. Ehrlich, menschlich und herrlich normal.
Genau das ist es, warum ich meine Arbeit und mein Ehrenamt so gern mache. Das Zwischenmenschliche, das Miteinander. Gerade in Zeiten wie diesen so wichtig!
Es gibt diese Tage, da fühlt es sich an, als würde alles gleichzeitig anklopfen. Nicht nacheinander. Nicht geordnet. Sondern auf einmal. Und das persönliche Fass, das wir alle irgendwie mit uns herumtragen, ist ohnehin schon randvoll. Dann braucht es nur noch einen Tropfen – und zack, es läuft über.
Gerade im Moment zehren viele Dinge an mir. Die Pflege meiner Eltern, Erkrankungen oder Verschlechterungen von Befunden im nahen Umfeld. Und ja – auch mein Ehrenamt. Das wird oft romantisiert, aber Ehrenamt kann fordernd sein. Emotional, zeitlich, mental. Wer Verantwortung übernimmt, trägt sie nicht nur auf dem Papier, sondern oft auch im Herzen.
Und dann ist sie plötzlich da, diese Frage, die sich leise anschleicht und sich doch nicht mehr wegschieben lässt: Will ich das alles noch?
Was davon ist wirklich meins?
Was kann – oder darf – ich abgeben?
Und die vielleicht unbequemste Frage von allen: Muss ich etwas hinschmeißen?
Als Achtsamkeitstrainerin und aus eigener Erfahrung weiß ich, wie trügerisch Entscheidungen aus einem Moment der Überforderung heraus sein können. Wenn alles zu viel wird, fühlt sich jede Belastung doppelt so schwer an. Deshalb versuche ich, genau dann einen Schritt zurückzutreten. Nicht zu handeln, sondern wahrzunehmen.
Ich atme durch.
Ich schlafe eine Nacht drüber.
Ich erzähle meinen Freundinnen davon.
Und oft passiert dann etwas Entscheidendes: Mit etwas Abstand wird der Blick weiter. Plötzlich zeigt sich, dass nicht alles gleichzeitig gelöst werden muss. Dass manches geregelt, anderes delegiert werden kann. Und dass es Dinge gibt, die zwar laut sind, aber gar nicht in meinem Tanzbereich liegen.
Manchmal reicht das schon.
Doch es gibt auch die anderen Momente. Die, in denen ehrlich hingeschaut werden muss. In denen alles auf den Prüfstand gehört. Und ja – manchmal bedeutet Achtsamkeit auch, sich von etwas zu trennen. Von Aufgaben, von Rollen, von Erwartungen. Egal, ob es anderen passt oder nicht. Denn an erster Stelle sollte immer stehen, dass es mir dabei gut geht.
Keine leichte Erkenntnis. Aber eine wichtige.
Noch ist dieser Punkt für mich nicht gekommen. Noch wiegt ein Dankeschön von Krebsbetroffenen schwerer als ein kurzfristiger Ärger. Noch trägt mich die Wertschätzung für meine Arbeit weiter, als mich die Belastung hinunterzieht. Und dennoch reflektiere ich mich immer wieder ganz bewusst.
Denn der Krebs war auch bei mir kein Zufall. Er hatte etwas mit Stress zu tun. Mit Überlastung. Mit zu wenig Grenzen.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt an diesen Tagen, an denen einem alles über den Kopf zu wachsen droht: Nicht sofort Antworten zu finden, sondern ehrlich zu bleiben. Sich selbst zuzuhören. Und sich immer wieder zu fragen, ob das eigene Leben noch in einem Maß ist, das trägt – oder ob es anfängt zu drücken.
Manchmal läuft das Fass über.
Und manchmal ist genau das das Signal, ein bisschen Ballast abzulassen, bevor noch mehr verloren geht.
In meinem Umfeld hagelt es gerade Nachrichten, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen: Rezidive, Metastasierungen, „austherapiert“ – dieses Wort, das sich anfühlt wie ein Schlag – und leider auch Todesfälle. Etwas, womit ich in meiner Bubble leider öfter zu tun habe als der Ottonormalbürger.
Und doch. Mitten in all dem Schweren, mitten in der Müdigkeit, der Traurigkeit, der Sorge, gibt es sie: diese kleinen, zarten Momente, die sich wie ein warmer Hauch auf die Seele legen.
Nicht das große Glück. Nicht das „Alles wird gut“-Feuerwerk. Eher wie ein Schmetterling am Wegesrand, der sich kurz neben dich setzt und dir ein Lächeln entlockt, obwohl du dachtest, heute gäbe es dafür keinen Platz.
Das kleine Glück ist leise – aber es ist da
Ich erinnere mich an die Corona-Pandemie, als unter dem Hashtag #3positiveDingesdesTages so viele Menschen begonnen haben, das Kleine zu sehen. Ein Sonnenstrahl auf dem Küchenboden. Ein gutes Gespräch. Ein Lied, das plötzlich wieder Mut macht. Ein Kaffee, der genau im richtigen Moment warm in den Händen liegt.
Damals haben wir kollektiv geübt, das Schöne nicht zu übersehen. Inzwischen ist das im Sande verlaufen – verständlich, denn das Leben hat uns alle wieder eingesogen.
Aber ich finde: Gerade jetzt lohnt es sich, das wieder aufleben zu lassen. Nicht als Challenge. Nicht als toxische Positivität. Sondern als sanfte Erinnerung daran, dass das Leben mehr ist als die Schwere, die uns manchmal umgibt.
Das kleine Glück muss nichts Großes sein
Es muss nicht laut sein. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nicht einmal lange dauern.
Das kleine Glück ist:
der Moment, in dem die Katze sich an dich schmiegt
der Duft von Regen auf warmem Asphalt
ein Satz, der dich berührt
ein Lachen, das du nicht erwartet hast
ein Mensch, der einfach da ist
ein Abendhimmel, der dich kurz staunen lässt
ein Atemzug, der leichter fällt als der davor
Es sind diese Mini-Momente, die uns daran erinnern, dass wir noch fühlen, noch leben, noch verbunden sind.
Warum wir das Kleine brauchen?
Gerade in der Krebs-Community, gerade in Zeiten, in denen Nachrichten schwerer wiegen als sonst, brauchen wir diese kleinen Lichtpunkte. Sie sind kein Wegschauen. Sie sind kein „Alles ist gut“. Sie sind ein „Ich halte mich fest an dem, was mich trägt“.
Das kleine Glück ist wie ein Anker. Wie ein leises „Ich bin noch da“. Wie ein Faden, der uns durch die dunkleren Tage zieht.
Vielleicht sollten wir wieder damit anfangen
Vielleicht sollten wir wieder teilen, was uns gut tut. Vielleicht sollten wir wieder hinschauen, wo das Leben uns kleine Geschenke hinlegt. Vielleicht sollten wir wieder üben, das Schöne zu sehen – nicht, weil das Schwere verschwindet, sondern weil wir beides tragen dürfen.
Ich fange heute wieder damit an. Mit einem kleinen Moment. Mit einem kleinen Glück.
Die letzten Wochen waren anstrengend. Nicht laut, nicht spektakulär. Sondern dieses stille, innere Anstrengend, das sich in die Knochen setzt. Zwei Todesfälle im näheren Umfeld. Nachrichten, dass liebe Menschen ihren letzten Weg antreten – ins Hospiz, in die Palliativbetreuung. Worte, die man liest und die sofort tiefer sinken, als man es zugeben möchte.
Es berührt mich in vielen Schichten. Seelisch. Herzmäßig.
Und ja – es macht mir auch Angst.
Ich bin im achten Jahr nach der Diagnose, im siebten Jahr krebsfrei. Und gerade in solchen Momenten frage ich mich:
Werde ich weiterhin von Schutzengeln begleitet? Von guten Mächten, die mich tragen?
Oder ist das alles nur eine fragile Illusion, die jederzeit reißen kann?
Mein Körper antwortet schneller als mein Kopf. Madame Fatigue packt das große Besteck aus: Müdigkeit, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schwindel. Als würde mein System sagen: „Das ist zu viel. Zu nah. Zu vertraut.“
Und natürlich könnte ich es mir leichter machen. Ich müsste ja „nur“ mein Ehrenamt niederlegen. Die Krebsaccounts aus meinem Feed werfen. Mich aus der Krebsbubble verabschieden. Abstand schaffen. Türen schließen.
Aber will ich das?
Ich glaube nicht.
Denn ich sehe es als meine Aufgabe, Mut zu machen. Aufzuklären. Geschichten zu erzählen, die sonst im Stillen verhallen würden. Menschen zu begleiten, die gerade durch ihre dunkelsten Stunden gehen. Ihnen eine Stimme zu geben, wenn sie selbst keine Kraft mehr haben.
Und wenn das Opfer dafür meine Fatigue ist – dann bringe ich es. Nicht leichtfertig. Nicht heroisch. Sondern bewusst.
Weil es eben nicht „nur“ Brustkrebs ist. Weil es eben nicht wieder „alles gut“ ist, sobald die Therapie endet. Weil die Nachsorgejahre nicht einfach ein Bonuslevel sind, sondern ein eigenes Terrain – voller Fragen, Trigger, Schatten und gleichzeitig voller neuer Klarheit.
Ich schreibe das nicht, um Mitleid zu bekommen. Sondern um sichtbar zu machen, was oft unsichtbar bleibt. Um zu sagen: Auch Jahre später kann die Angst noch leise mitgehen. Auch Jahre später kann der Körper reagieren, wenn das Leben uns an unsere Verletzlichkeit erinnert.
Aber ich schreibe es auch, weil ich weiß: In all dem liegt eine Form von Stärke. Eine, die nicht laut ist. Eine, die nicht glänzt.
Eine, die sich zeigt, wenn wir trotz Müdigkeit weitergeben, was uns selbst einmal gefehlt hat.
Vielleicht ist das mein Weg. Vielleicht ist das meine Art, Sinn zu finden in all dem, was war.
Und vielleicht ist es genau das, was mich – trotz allem – weitergehen lässt.
Im März vor sieben Jahren lag ich im Krankenhaus und hatte meine erste brusterhaltende Operation. Horst flog raus. Ein Abschied, bei dem ich keine Träne vergossen habe – und das sagt eigentlich schon alles.
Was ich damals nicht ahnte:
Während ich mich von diesem ungebetenen Untermieter verabschiedete, begann gleichzeitig etwas Neues. Neben mir lag eine Frau, die am selben Tag operiert wurde, ein ähnliches Schalentier verabschiedet hatte und mit der ich sofort eine Verbindung spürte. Aus dieser zufälligen Bettnachbarschaft ist eine Freundschaft entstanden, die bis heute hält. Manchmal schenkt das Leben einem genau dann Menschen, die bleiben, wenn man selbst gerade dabei ist, so vieles loszulassen.
Der Plan, der keiner blieb
Ich war fest davon überzeugt, dass ich den Krebs los sein würde, die Bestrahlung noch durchziehe, zur Reha fahre und dann langsam wieder in meinen Beruf zurückkehre. Ein klarer Weg. Ein Plan, der sich gut anfühlte.
Doch das Leben hatte andere Ideen.
Schon bald zeigte sich ein Lymphödem am rechten Arm. Weitere Operationen folgten. Und aus dem „Zurück in den Job“ wurde ein zäher Kampf um die Erwerbsminderungsrente bis 2021. Es war, als würde ich durch einen Nebel irren, in dem die alten Wege plötzlich verschwunden waren.
Warum ich das alles schreibe?
Wir feiern Ostern. Und obwohl ich nicht gläubig bin, berührt mich dieser Gedanke von Neubeginn jedes Jahr aufs Neue. Für mich ist Ostern weniger ein religiöses Fest, sondern vielmehr ein Symbol für das Erwachen der Natur, für das erste zarte Grün nach dem Winter, für den Frühling.
Und ohne anmaßend sein zu wollen: Der März 2019 war mein persönliches Ostern.
Ich musste mich verabschieden – von meinem alten Leben, meinem Beruf, meiner Arbeitsfähigkeit, meiner früheren Zuverlässigkeit. Und leider auch von Menschen, die mich auf diesem neuen Weg nicht begleiten konnten oder wollten.
Doch gleichzeitig begann etwas Neues. Ein Weg, der nicht geplant war, aber sich nach und nach zeigte. Ein Weg, der mich zu mir selbst zurückgeführt hat – zu meinen Kapazitäten, zu meiner Kreativität, zu meiner Fähigkeit, andere zu begleiten.
Ein Neubeginn, den ich nicht gesucht habe – aber der mich verändert hat
Den Krebs hätte ich wirklich nicht gebraucht! Aber er hat mir – bei allem Schmerz, bei aller Erschöpfung – auch eine Chance gegeben. Eine Chance, mein Leben neu zu ordnen. Eine Chance, milder mit mir zu werden. Eine Chance, ein Kapitel zu öffnen, das ich sonst vielleicht nie betreten hätte.
Heute, sieben Jahre später, schaue ich auf diesen März zurück wie auf einen Wendepunkt. Nicht glorifiziert, nicht verklärt – aber mit einem tiefen Verständnis dafür, dass Abschiede manchmal der Anfang von etwas sind, das wir uns noch gar nicht vorstellen können.
Und vielleicht ist das der eigentliche Zauber des Frühlings: Er erinnert uns daran, dass selbst nach den härtesten Wintern etwas Neues wachsen kann.
Seit meiner Brustkrebserkrankung begleitet mich Fatigue. Ein unsichtbarer, unberechenbarer Gast, der sich nicht an Pläne hält. Früher war ich gefühlt zu 1000 % zuverlässig. Termine einhalten, Aufgaben erledigen, für andere da sein – das war mein Selbstverständnis. Heute passiert es, dass ich „kurz vor der Angst“ absagen muss, Aufgaben nicht schaffe oder mich selbst ausbremse, obwohl ich es besser weiß.
Und dann sitzt er plötzlich neben mir: der Gedanke, unzuverlässig zu sein. Der Gedanke, andere könnten das alles besser. Der Gedanke, nicht mehr die zu sein, die ich einmal war.
Warum ist es so schwer, diese Veränderungen anzunehmen?
Weil Perfektionismus ein alter, treuer Begleiter ist. Er hat uns lange gedient: als Antrieb, als Struktur, als Identität. Wenn der Körper plötzlich andere Kapazitäten hat, gerät dieses innere System ins Wanken. Es fühlt sich an, als würde ein Teil von uns verschwinden.
Doch eigentlich passiert etwas anderes: Wir müssen lernen, uns neu zu begegnen.
Veränderung anzunehmen bedeutet nicht, aufzugeben. Es bedeutet, die Realität zu würdigen. Und das ist schwer, weil wir gleichzeitig Abschied nehmen müssen – von der früheren Leistungsfähigkeit, von alten Rollen, von Erwartungen, die nicht mehr passen.
Warum stellen wir unser Licht so in den Schatten?
Weil wir gelernt haben, unseren Wert über Leistung zu definieren. Weil „Ich kann gerade nicht“ sich anfühlt wie ein persönliches Versagen. Weil wir uns selbst oft härter beurteilen als jeden anderen Menschen.
Und weil Fatigue, Schmerz oder Erschöpfung uns in einen Zustand bringen, in dem Selbstmitgefühl schwerer fällt. Der Körper ist müde, die Seele gleich mit.
Doch das Licht ist nicht weg. Es ist nur anders geworden. Vielleicht weicher. Vielleicht leiser. Aber es ist da.
Was macht das mit mir?
Es macht mich verletzlich. Es macht mich menschlich. Es zwingt mich, hinzuschauen.
Und manchmal macht es mich wütend, traurig oder hilflos. Aber es öffnet auch Räume, die früher keinen Platz hatten: Räume für Pausen. Für Ehrlichkeit. Für Selbstfürsorge. Für ein neues Verständnis von Stärke.
Als Achtsamkeitstrainerin habe ich viele Werkzeuge, die ich meinen Klient*innen an die Hand gebe. Doch wenn es um mich selbst geht, stelle ich mir gern ein Bein. Das ist kein Widerspruch – das ist menschlich. Wir alle sind Experten für andere und Lernende für uns selbst.
Ein neuer Umgang mit den eigenen Kapazitäten
Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieser Zeit:
Nicht mehr alles zu schaffen, sondern das Richtige.
Nicht mehr perfekt zu funktionieren, sondern authentisch zu leben.
Nicht mehr über die eigenen Grenzen zu gehen, sondern sie zu ehren.
Fatigue zwingt mich, meine Energie wie ein kostbares Gut zu behandeln. Und vielleicht ist das – bei aller Härte – auch eine Form von Weisheit.
Ein Gedanke zum Schluss
Perfektionismus war lange mein Motor. Heute ist es meine Menschlichkeit.
Ich lerne, mich mit meinen neuen Kapazitäten zu akzeptieren. Nicht jeden Tag gelingt es. Aber jeder Tag bringt eine Chance, milder mit mir zu sein.
Und vielleicht ist genau das die Art von Zuverlässigkeit, die jetzt zählt: Die Zuverlässigkeit, mir selbst treu zu bleiben.
„Leben nach Krebs“ – ein Thema, das man aus vielen verschiedenen Blickwinkeln beleuchten kann. Denn jede*r von uns trägt eine eigene Wahrheit in sich. Und ja: Nach dem Krebs ist das Leben anders. Punkt.
Bei mir bedeutet „anders“ zum Beispiel: ohne Brüste, ohne Eierstöcke, mit 42 Jahren in die Wechseljahre geschleudert und stolze Besitzerin bunter Kompressionsärmel an beiden Armen. Dazu Depressionen, Fatigue und eine Berentung, die ich mir so nie ausgesucht hätte.
Klingt erst einmal düster, oder?
Doch das ist nur die Oberfläche. Die Fakten. Nicht die ganze Geschichte.
Was ich durch den Krebs gelernt habe
Für eine Buchrecherche wurde ich einmal gefragt: „Was hast du durch den Krebs gelernt?“
Meine spontane Antwort: „Socken stricken.“
Wir haben herzlich gelacht – denn das war nicht die Art Erkenntnis, die man erwartet. Aber es war eine meiner Wahrheiten. Und es blieb nicht bei den Socken.
Ich habe gelernt:
Socken stricken (ja, das bleibt ganz oben)
wie stark mein Körper ist
wie stark meine Beziehung ist
Hilfe einzufordern – und sie anzunehmen
was echte Freundschaft bedeutet
NEIN zu sagen
MeTime nicht nur zu planen, sondern zu leben
wie wertvoll mein Ehrenamt in der FSH ist
Ich bin selbstbewusster geworden. Mutiger. Freier.
Ich fahre inzwischen allein mit dem Zug zu Workshops und Kongressen – und bin 2021 sogar ganz entspannt in Fulda an Chris de Burgh vorbeispaziert. Ich gebe zu, ich hab ihn nicht gleich erkannt. Früher hätte ich mich das nie getraut.
Ich gebe weiter, was ich gelernt habe
Heute begleite ich andere Betroffene, teile meine Erfahrungen, helfe, wo ich kann – und kenne endlich meine Grenzen. Ich bin Achtsamkeitscoach, psychoonkologische Begleiterin und virtuelle Assistentin. Drei Rollen, die mich erfüllen und gleichzeitig flexibel genug sind, um meine Kräfte zu schützen.
Für die Zukunft habe ich noch einige Kurse im Blick. Dank Fernstudium und Onlineformaten kann ich in Miniportionen lernen – abends, wenn andere schon vor dem Fernseher eingeschlafen sind. Und alles, was ich lerne, hilft nicht nur mir, sondern auch anderen.
Dinge, die ich ohne den Krebs vermutlich nie getan hätte.
Neue Menschen, neue Wege, neues Ich
Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die ich ohne die Erkrankung nie getroffen hätte. Und ja – Horst (so nenne ich meinen Krebs) hat mit Pauken und Trompeten in meinem Leben aufgeräumt. Anfangs war das schmerzhaft. Ich habe ständig zurückgeschaut, auf das, was nicht mehr möglich war.
Heute schaue ich nach vorn.
Die Vergangenheit kann ich nicht ändern. Aber mein Leben im Jetzt – das kann ich gestalten.
Ich freue mich über jeden guten Tag. Die weniger guten nehme ich an. Sie gehören zu mir. Sie sind der Preis dafür, dass ich noch hier bin.
Ich genieße kleine Dinge, die Zeit mit meiner Familie, mit Freund*innen – und entdecke mich selbst immer wieder neu.
Zehn Wochen Krankenhaus und Kurzzeitpflege liegen hinter uns. Zehn Wochen, in denen es tageweise auf Messers Schneide stand. Zehn Wochen voller Sorgen, Hoffen, Bangen. Und gleichzeitig zehn Wochen, in denen wir eine ganz besondere Mutter-Tochter-Zeit erlebt haben — intensiv, nah, kostbar.
Jetzt ist sie wieder da, in ihren eigenen vier Wänden.
Mit ihrem vertrauten Kühlschrank, der immer ein bisschen zu gut gefüllt ist.
Mit ihrem Zuhause-Geruch, den kein Krankenhaus der Welt ersetzen kann.
Mit ihrem Mann, mit uns und mit dem Nachbarskater – einfach mit uns.
Mit ihrem Bett — na ja, fast. Denn nun steht dort ein Pflegebett, das uns daran erinnert, dass sich etwas verändert hat.
Denn „zu Hause“ ist jetzt anders. Es ist ein Zuhause mit Hilfsmitteln, mit neuen Abläufen, mit Routinen, die wir erst finden müssen. Ein Zuhause, das uns herausfordert und gleichzeitig trägt.
Für meinen Papa bedeutet es, gemeinsam einen neuen Rhythmus zu entwickeln. Den Alltag neu zu sortieren. Manches anzupassen, anderes loszulassen. Und trotzdem immer wieder zu spüren: Wir schaffen das. Zusammen als Familie!
Trotz aller Veränderungen bleibt eines unverrückbar: Zu Hause ist zu Hause.
Und genau darüber sind wir gerade unendlich glücklich und dankbar.